„Rankins Bücher bilden gewissermaßen
die Quintessenz dessen, was gegenwärtig
den britischen Kriminalroman ausmacht.“
Tobias Gohlis, DIE ZEIT
Der schottische Schriftsteller Ian Rankin darf guten Gewissens "König Midas der Kriminalliteratur" genannt werden, denn alles was er schreibt, wird zu Gold. Seine Romane um den melancholisch-mürrischen Inspektor John Rebus sind weltweite Bestseller und der Autor wird mit Preisen und Ehrungen nur so überhäuft. [.] Ian Rankin hat mit John Rebus einen ganz außergewöhnlichen Helden geschaffen, lebendig, voller Fehler und von Sorgen geplagt. Rebus ist wie sein Schöpfer ein waschechter Schotte, aber kein unsterblicher Highlander im Schottenrock, sondern ein Stadtmensch bis auf die Knochen. Er lebt und ermittelt in seinem geliebten Edinburgh, der Stadt, in der auch Ian Rankin zu Hause ist. [.]
Schon in der Vergangenheit war Edinburgh für seine Doppelgesichtigkeit legendär, nicht umsonst wurden Dr. Jekyll und Mr. Hyde hier erschaffen. Noch immer ist es leicht, nur die eine Seite der Stadt zu sehen, die touristischen Glanzstücke der Newtown, die eleganten Häuser und Brücken. Doch dicht daneben liegt die Oldtown mit ihren dunklen Gassen, in denen man sich verirren kann, und ihren Parks, in denen man abends besser nicht alleine spazieren geht. Das Heer der Drogensüchtigen, ihre Beschaffungskriminalität und die deprimierend ansteigende Zahl der Obdachlosen zeigen das ganz andere Edinburgh und zeugen von einem rapiden und immensen Werteverfall, der auf der Schottenseele lastet. Rankin lässt seinen Inspektor Rebus an dieser Entwicklung seit Mitte der Achtziger Jahre intensiv teilhaben. Jedes Buch, jeder Mordfall entsteht aus dem immer tiefer werdenden Sumpf der Gesetzlosigkeit und erweitert den Riss in der Gesellschaft. Auch Rebus ist nicht perfekt. Er, der Verbrecher jagt und dingfest macht, ist selber ein Gejagter und bewegt sich dabei immer haarscharf am Rande des Gesetzes. [.]
Trotz seines chaotischen Privatlebens, seiner Unvollkommenheit und Rastlosigkeit: John Rebus' Fähigkeit als Polizist steht immer außer Frage. Engagiert, aber ohne jeglichen Ehrgeiz, ermittelt er konsequent und hartnäckig. Fast schon verbissen verfolgt er sein Ziel, die Schuldigen dingfest zu machen und so für ein bisschen Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen. Auch im Roman "Die Kinder des Todes" ist es ausschließlich Rebus' unbeirrbarer Suche nach der Wahrheit zu verdanken, dass der Täter schließlich überführt wird. Wie immer seit einigen Büchern, steht Rebus die junge Polizistin Siobhan Clarke loyal zur Seite. Beide sind sie Anhänger einer ganz und gar unorthodoxen Ermittlungsmethodik, und auch wenn Siobhan noch nicht ganz so abgeklärt und desillusioniert ist wie ihr Mentor - so langsam wird auch sie zum Einzelgänger. [.]
In "Die Kinder des Todes" wird der Inspektor gemeinsam mit Siobhan doppelt und dreifach in eine Mordermittlung verwickelt, in der Rebus' Integrität auf eine harte Probe gestellt wird. Rankin wählt einen tödlichen Amoklauf an einer Privatschule als Ausgangspunkt für sein Buch. Und hier mischen sich Fiktion und Realität. Böse Bilder der Erinnerung werden da wach gerufen, aus Schulen in Erfurt und Littleton, und besonders Schottland wird an die grausame Tat von Dunblane erinnert, als ein Mann wahllos eine ganze Schulklasse tötete.
Im Buch sind zwei Jungen im Alter von siebzehn die Opfer des Amokläufers, ein dritter Schüler überlebt schwer verletzt, der Täter richtet sich anschließend selbst. Der Todesschütze ist Lee Herdman, ein ehemaliger Soldat, der freiwillig aus der Armee ausschied und in dem idyllischen Städtchen South Queensferry nahe Edinburgh einen Bootsverleih besaß. Sein Privatleben war ruhig und normal, er lebte in selbst gewählter Zurückgezogenheit. Rebus, selbst ehemaliger Soldat und Einzelgänger, soll nun Licht in das Dunkel des Motivs bringen. Wie Lee Herdman war auch er Teil der schottischen Eliteeinheit der SAS (Special Air Service), deren Ausbildungs- und Arbeitsmethoden streng geheim sind und größtenteils auf psychischer Demütigung beruhen. Rebus hatte Armee und SAS nach kurzer Zeit verlassen und ist seitdem ein seelisch gebrochener Mensch, der Schwierigkeiten mit Bindungen und Autoritäten hat. Nur der Job als Polizist half ihm damals, wieder Kontakt zur Gesellschaft zu bekommen. Hat Lee Herdman den Sprung in die Normalität nicht geschafft und in einem Moment des Wahnsinns zwei Schüler und sich selbst getötet?
Rebus' eigene unkontrollierbare Wut angesichts von Unrecht und Gewalt fordert ebenfalls ihren Tribut. Denn auch er steht momentan unter Mordverdacht. Siobhan, seine engste Kollegin und vielleicht sogar einzige Freundin, neben der aktuellen Beziehung zu Jean Burchill, die in "Die Kinder des Todes" allerdings nicht auftaucht und auch Rebus' Gedanken nur schlaglichtartig streift, wird seit längerem von einem Stalker belästig. Der Kriminelle Martin Fairstone bombardiert sie mit Morddrohungen. Als er gefesselt und verbrannt in seiner Wohnung gefunden wird, konzentrieren sich die Ermittlungen sehr rasch auf Rebus, der am Abend von Fairstones Tod gemeinsam mit ihm in einem Pub gesehen wurde. Rebus bestreitet das nicht, gibt sogar zu, mit Fairstone in dessen Wohnung gewesen zu sein, gibt aber zu Protokoll, ihn lebendig zurück gelassen zu haben. Doch die Tatsache, dass Rebus im Krankenhaus behandelt wird, weil seine Hände schwere Brandwunden aufweisen, machen es niemandem leicht, ihm zu glauben. Zu gut erinnert sich so mancher an schwere Wutausbrüche des Inspektors, die gelegentlich beinahe in Selbstjustiz endeten, und da Rebus' Erklärungsversuche für die Brandwunden sehr fadenscheinig klingen, wird er von seinem Job suspendiert. Doch da er und Siobhan amtliche Anordnungen gerne nach ihrer Lesart auslegen und beide den Amoklauf aufklären wollen, ermittelt er mit ihrer Hilfe weiterhin inoffiziell mit.
Das Dorf South Queensferry wird zum Ausgangspunkt der Suche. Hier, im Schatten der mächtigen Forth Road Bridge, die sich als architektonisches Meisterwerk über den Firth spannt und Edinburgh mit dem restlichen Schottland verbindet, hat sich eine Tragödie abgespielt, deren Wurzeln im Dunkeln liegen. Der Ort ist klein, besteht aus dem obligatorischen Pub, einem Laden und ein paar Häusern. Hier hatte der Ex-Soldat Lee Herdman seinen Bootsverleih, und hier tötete er zwei Schüler und sich selbst.
Während die Edinburgher Polizei in der Schule fieberhaft nach Gründen für die Bluttat sucht, gehen die Presse und die Politik auf die Barrikaden. Schnell wird der Ruf nach schärferen Waffengesetzen laut und ein generelles Waffenverbot gefordert. Allen vorweg engagiert sich der Abgeordnete Jack Bell, dessen Sohn James der einzige Überlebende des Attentates ist, und der seine persönliche Genugtuung aus dem Feldzug gegen die Polizei zieht. Hat man ihn doch erst kürzlich auf dem Edinburgher Drogenstrich verhaftet, den er angeblichen aus Recherche-Gründen aufgesucht hatte.
Als im Laufe der Ermittlungen die Familien der Opfer befragt werden, muss Rebus geschockt feststellen, dass es sich bei einem der Jungen um seinen Neffen handelt. Der Kontakt zwischen den Familien ist zwar seit langem abgebrochen, doch die familiäre Beziehung zu einem der toten Jungen erschüttert Rebus sehr und er versucht halbherzig, aber erfolglos, wieder eine Bindung zu den Hinterbliebenen aufzubauen. Und so kommt noch ein Grund hinzu, wieso Rebus sich eigentlich nicht in diesen Fall einmischen dürfte, und doch ist es der suspendierte und persönlich betroffene Inspektor John Rebus, der mit verletzten Händen und der Hilfe der treuen Siobhan unverdrossen nach dem Motiv des Mörders sucht.
Siobhans Privat- und Berufsleben wird dem ihres Mentors immer ähnlicher. Auch sie hat bereits in ihren jungen Jahren mit Gesundheitsproblemen wie Bluthochdruck und Panikattacken zu kämpfen, wenn auch nicht bedingt durch massiven Nikotin- und Alkoholgenuss, sondern durch Fastfood und zu wenig Bewegung. Die Parallelen sind erschreckend: Auch ihre privaten Kontakte reduzieren sich auf ein Minimum. Ihre unorthodoxen Ermittlungsmethoden à la John Rebus erfreuen sich nicht allzu großer Beliebtheit. In "Die Kinder des Todes" agiert sie erstmals gleichberechtigt neben ihrem Vorbild. Ian Rankin hebt sie auf eine Ebene mit seinem Helden, lässt sie die gleichen Fehler machen, Vorschriften missachten und ihren Kollegen auf die Füße treten. Siobhan ist Rebus' rechte Hand, und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit den verbrannten und verbundenen Händen kann er nicht einmal eine seiner geliebten Zigaretten anzünden. Der berufliche Erfolg zementiert die kollegiale Freundschaft der beiden. Doch das hat auch seine Nachteile: Jetzt sind es schon zwei, die alle Chancen für den beruflichen Aufstieg verschenken. Doch während die starrsinnigen Macken des alternden Rebus noch weitgehend toleriert werden, scheint die berufliche Zukunft Siobhans eher düster auszusehen.
Als sich die Mordermittlungen langsam zuspitzen, schaltet sich das Militär ein und macht sich sofort Feinde bei der Polizei. Die arroganten Ermittler der Armee halten die Personalakte des Täters geheim und suchen nach ganz anderen Dingen als dem Motiv. Rebus, mit seinem ureigenen Militärtrauma behaftet, überwirft sich schon bald mit den SAS-Ermittlern und errät treffsicher den wahren Grund der Einmischung. Die vorgeblichen Ermittlungsergebnisse seiner Kontrahenten ergeben ein für Rebus Geschmack zu perfektes Bild: Lee Herdman war ein desillusionierter Einzelgänger, der Waffen sammelte, Heavy Metal Musik hörte und Drogenparties feierte. Als sich dann noch herausstellt, dass Herdman wenigstens eines der Opfer kannte, scheint der Fall so gut wie gelöst: Lee Herdman ist einfach ein aufs Töten gedrillter Ex-Soldat, der sich nicht in die Gesellschaft eingliedern konnte, irgendwann ausrastet und ein paar Bekannte erschießt.
Doch Rebus ist schnell klar, dass die Lösung des Falls nicht so simpel sein kann. Er ist es, der die richtigen Fragen stellt und neue Theorien entwickelt. Was sucht das Militär wirklich? Warum fehlt ein Computer aus Herdmans Wohnung? In welchem Motivzusammenhang stehen die toten Jungen der Privatschule? Und welche Rolle spielt die mysteriöse Mitschülerin Teri Cotter, die sich als Goth kleidet und nicht um die Toten trauert?
Rebus setzt bei seinen Ermittlungen an anderer Stelle an. Er hinterfragt nicht Herdmans Motiv und seine Vergangenheit, er beginnt vielmehr, die Überlebenden ins Visier zu nehmen, und erkennt langsam die wahren Zusammenhänge. Seine in der Vergangenheit erworbenen profunden Kenntnisse der Armee und des SAS, die ihm immer noch Einblicke in hochbrisante politische Geheimnisse ermöglichen, führen ihn zu einer logischen Schlussfolgerung.
Der Plan für das Verbrechen, den Rebus gemeinsam mit Siobhan aufdeckt, ist hinterhältig und grausam. Menschen wurden dafür wie Schachfiguren so lange hin- und hergeschoben, bis ihr Platz in der Geschichte stimmte, korrekt ist für eine falsche Version des Geschehens. Es ist eine persönliche und erschreckend banale Tragödie, die hinter den Morden und dem Selbstmord in der Schule steckt. Es geht um falsch verstandene Liebe, kindliche Eifersucht und die Sehnsucht nach Nervenkitzel in der Ödnis der Wohlstandsgesellschaft. Rebus entwirrt dieses Knäuel aus Lügen und Schuldzuweisungen und bringt so ganz nebenbei auch noch Licht in seinen eigenen Fall.
John Rebus bleibt auch in "Die Kinder des Todes" die tragische Gestalt, die die Leser lieben. Er trinkt wie immer zuviel, raucht Kette, missachtet die Gesetze und vernachlässigt seine Freundin. Doch Ian Rankin vertieft die Figur seines Helden ein weiteres Mal um zahlreiche Dimensionen. Er lässt Rebus auf seine vergessene Familie treffen, nur um sie ihm gleich wieder zu entreißen und ihn den verlorenen Chancen nachtrauern zu lassen. Die Militär-Vergangenheit, die ihn all die Jahre wie ein dauernder Alptraum verfolgt, belastet und fast zerstört hat, wird diesmal zum alles entscheidenden Schlüssel. Nur seine eigene Verbindung zum SAS ermöglicht ihm die Lösung des Falles. Doch die erschreckende Parallele seines Lebens zu Lee Herdmans tragischer Existenz wird für Rebus zum düsteren Blick in den Spiegel.
John Rebus hat viel gesehen und erlebt. Und doch geht er aus dem Fall wieder aufs Neue verletzt und sensibilisiert hervor - trotz seiner vermeintlichen Härte und Abgebrühtheit. Keiner durchschaut so gut wie er Probleme und Lügen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und keiner bedauert den Verfall der Welt und ihrer Werte so wie er mit seiner schottisch-melancholischen Seele. Seine Kollegin Siobhan ist gerade dabei, seinen emotionalen Panzer zu knacken. Wohin sich diese Beziehung noch entwickeln wird, bleibt offen und so spannend wie der ganze Roman.
Ian Rankins Stories sind immer erstaunlich lebensnah. Er legt seine Finger in offene Wunden und scheut nicht davor zurück, in seinen Romanen auch die dunklen Seiten unserer Gesellschaft realistisch zu beleuchten. Gerade das Thema Amoklauf hat eine traurige, hochaktuelle Brisanz, und die im Buch laut werdenden Rufe nach Konsequenzen und Prävention sind nachvollziehbar. Das Problem scheint unlösbar, die Entwicklung unaufhaltsam und weitere schockierende Massaker dieser Art unabwendbar. Rankin bietet hier keine Vorschläge an, er fordert vielmehr den Leser auf, Stellung zu nehmen, er führt ihm die Realität der Welt vor Augen und lässt ihn dann seine eigene Meinung finden. Dabei schreibt er mit scharfem Blick und feiner Ironie und spannt seinen Plot elegant und stimmig über die Buchseiten, voller überraschender und schlüssiger Wendungen. Beinahe schon gewohnt gelungen ist das wunderbar schillernde Heer an Haupt- und Nebenfiguren, die die Handlung begleiten und gestalten.
Ian Rankin sollte neben den vielen Auszeichnungen für sein schriftstellerisches Oeuvre übrigens auch einen Preis vom schottischen Tourismusverband erhalten. So wunderbar und liebevoll zeichnet er sein Schottland, dass der Leser am Ende der Lektüre sofort dahin aufbrechen möchte.
Bianca Reineke
Oxford, Oktober 2004