„Rankins Bücher bilden gewissermaßen
die Quintessenz dessen, was gegenwärtig
den britischen Kriminalroman ausmacht.“
Tobias Gohlis, DIE ZEIT
Quo vadis Rebus? Wohin wird der gute alte schottische Ermittler gehen, nachdem er pensioniert ist? Was wird er tun, und wie wird er seine Tage verbringen, wenn er nicht mehr missmutig und knurrig die Straßen seines geliebten Edinburghs durchstreift, um auf unkonventionelle Art Kriminelle zu jagen?
Wer den brillanten Roman "Ein Rest von Schuld" liest, wird schließlich auch Zeuge davon, wie John Rebus mit seinen nunmehr 60 Jahren seine Dienstmarke abgeben und in den Ruhestand treten soll. Was für ein Schlag für die Fans des raubeinigen Einzelgängers und genialen Polizisten! Ein Urgestein der britischen Kriminalliteratur nimmt seinen Hut und verlässt die Bühne der Mordermittlungen für immer. - Für immer?
So richtig glauben kann und will das keiner, und Rebus´ geistiger Vater Ian Rankin, der für seine Romane zu Recht mit Preisen überhäuft wurde, ist noch jung (Jahrgang 1960), so dass ein winziger Funken Hoffnung bleibt, dass John Rebus eines Tages zurückkehrt und auf die eine oder andere Art mysteriöse Mordfälle im schaurig schönen Edinburgh löst. Denn Hand aufs Herz: wie sollen wir ohne diesen Mann überleben? Kein anderer kann so widerborstig, gegen alle Regeln verstoßend und gerne auch mal betrunken auf Verbrecherjagd gehen, nur um in stillen Momenten seinen weichen Kern und persönliche Tragik zu offenbaren.
John Rebus ist im Laufe seines Lebens beinahe am Schicksal gescheitert, zerbrochen fast an der Grausamkeit der Welt, die ihn seiner Familie entfremdet, seine Gesundheit fast ruiniert und seinen Stolz in den Staub getreten hat. Ohne Musik, und wir reden hier von den Rockklassikern der 60er und 70er Jahre, am liebsten noch auf knisterndem Vinyl, seinen heiß geliebten Zigaretten, die auch in Edinburgh nur noch vor den Pubs geraucht werden dürfen, und einer ganzen Menge Alkohol, wäre John Rebus längst verkümmert, restlos verbittert und vielleicht schon längst tot. Doch so wie ihn früher die Suche nach Gott rastlos umgetrieben hat, so hält ihn heute sein unbeirrbarer Sinn für Gerechtigkeit aufrecht, und der immerwährende Kampf gegen das Schlechte bestimmt sein ansonsten leider sehr leeres und unendlich einsames Leben.
Das wahre Rückgrat seiner Existenz aber ist sein Erzfeind und dunkler Zwilling Big Ger Cafferty. Ganz in der Art von Dr. Jekyll und Mr. Hyde besitzt auch John Rebus, der Ur-Schotte seine ureigene Nemesis. Cafferty ist durch und durch schlecht, er betreibt dunkle Geschäfte, kennt keine Moral, keine Skrupel und unterhält mafiaähnliche Verbindungen in ganz Schottland, die von Drogenhandel, Prostitution und Diebstahl bis hin zum Auftragsmord reichen. Auch Cafferty hat seine gesamte Familie verloren, auch er lebt alleine in einer viel zu großen Behausung, und genau wie Rebus hat auch Cafferty nur Angestellte und "Kollegen", die seinen Alltag teilen.
So ähnlich sind sich die beiden, dass der Blick in den Spiegel Rebus regelmäßig zu Tode erschreckt, und er in seiner Jagd auf Cafferty schier blind geworden ist. Obsession ist es, die ihn umtreibt, und so verbringt Rebus Tage und Nächte vor Caffertys Tür, schläft in seinem Auto und wartet auf den einen entscheidenden Fehler, der dazu führen wird, dass der große Verbrecher endlich überführt werden kann.
Doch wie Sisyphos müht sich Rebus stets vergeblich ab, und all sein Tun entfernt ihn immer mehr vom normalen Alltag und sorgt dafür, dass das Bild, das man in Polizeikreisen von ihm hat, nur noch mehr verzerrt wird. Und so sind in "Ein Rest von Schuld" auch beinahe alle nur noch froh, dass John Rebus und seine besondere Art der Ermittlung schon sehr bald der Vergangenheit angehören werden. Nur Siobhan Clarke, die einzige Person in Rebus´ Umfeld, die ihm gewachsen ist und seine Sympathie besitzt, trauert ob des baldigen Verlustes des großartigen Polizisten. Denn eins muss man Rebus zugestehen: er löst alle seine Fälle und überführt die Täter fast immer.
Als nur wenige Tage vor Rebus´ Pensionierung der junge russische Dichter Alexander Todorow ermordet aufgefunden wird, stürzt sich der alte Mann noch einmal mit Leib und Seele in die Untersuchungen. Schnell wird klar, dass Poesie und Politik nahe beieinander liegen und der kritische und sehr erfolgreiche Todorow in seinen Gedichten harsche Kritik an den Aufsteigern der Perestroika übte und bei russischen Geschäftsleuten, die ihren luxuriösen Lebensstil und Wohnsitz liebend gerne nach Großbritannien verlegen, nicht gut gelitten war. Und auch das stolze Edinburgh, das endlich sein eigenes Parlament besitzt und immer weiter nach Unabhängigkeit strebt, betrachtete das dichterische Genie mit großer Skepsis, bringen doch die reichen Oligarchen, die sich gerade in der Stadt aufhalten, ihr Geld mit nach Schottland und können so zur Abspaltung vom ungeliebten England beitragen.
Todorow der ein ernsthafter Kandidat für den Nobelpreis und ein rastloser Frauenheld war, hat erstaunlich viele Feinde für einen feinsinnigen Intellektuellen, und so gestalten sich die Ermittlungen der Polizei als breit gefächert und sehr schwierig. Siobhan und Rebus begeben sich auf Spurensuche in den letzten Lebenstagen des Dichters und stoßen schnell auf zahlreiche Verdächtige. Der Verstorbene hatte sich bei vielen Menschen äußerst ungeliebt gemacht und wurde so zum störenden Sand im Getriebe eifriger Planer und eiskalter Macher.
In schnellem Wechsel lernen die Polizisten die fremden Lebenswelten der national eingestellten Politiker kennen, folgen den verschlungenen Pfaden der großen Finanzunternehmen und müssen erschüttert erkennen, dass Macht und Mafia ganz nahe beieinander wohnen. Als Rebus durch seine hartnäckigen privaten Nachforschungen in Sachen Cafferty auf die kriminellen Machenschaften der großen Wirtschaftsbosse und Politiker stößt, tritt er den einflussreichen Menschen seiner Stadt empfindlich auf die Füße, und läuft damit Gefahr, früher als geplant seinen Hut nehmen zu müssen .
Doch mit Hilfe der unermüdlichen und loyalen Siobhan und dank der Unterstützung des erfrischend eifrigen neuen Kollegen Todd Goodyear, der allerdings seine ganz eigenen Gründe für den Polizeidienst zu haben scheint, könnte es Rebus doch noch gelingen, das Rätsel um Todorows Tod zu lösen, solange er noch eine Dienstmarke sein eigen nennen kann. Politische Winkelzüge und skrupelloses, internationales Geschäftsgebaren erweisen sich dabei ebenso als waschechte Mordmotive wie ganz simple Emotionen. Doch ehe John Rebus seinen beruflichen Schwanengesang anstimmen kann, überschlagen sich die Ereignisse .
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schillernd und vielfältig Ian Rankin die verschiedenen Seiten seiner Heimatstadt in den Romanen um Rebus zu zeichnen versteht. So wie sich Rebus´ Leben und Persönlichkeit im Laufe der Zeit verändert, genau so wechselt die Stadt Edinburgh ständig ihre Farbe. Eine Stadt die sich beständig häutet, um sich dann wieder eine neue Hülle überzustülpen. Vom dunklen Städtchen im Schatten des finanziell besser gestellten Glasgow, entwickelt sie sich im Laufe der Romane zur kulturellen und wirtschaftlichen Metropole, die voller Stolz ihre wachsende Bedeutung genießt und zelebriert.
Und auch der Held der Bücher kann seine Veränderung nicht leugnen, doch wo Edinburgh wie Phönix aus der Asche steigt, scheint er sich in Richtung Abgrund zu bewegen. Das Ende ist nahe, John Rebus´ Pensionierung steht ins Haus.
Doch Ian Rankin geht dabei überaus geschickt zu Werke. Der Abschluss der genialen Serie um einen der besten Ermittler seiner Zunft, müsste eigentlich Frust und Trauer hinterlassen, doch mit dem fantastischen Buch "Ein Rest von Schuld" gibt er allen Fans seines Helden wieder Hoffnung.
Denn ob es wirklich das Ende ist, weiß niemand, wahrscheinlich nicht einmal Ian Rankin selbst, denn was der letzte Satz dieses Meisterwerkes ausdrückt, kann einfach alles sein: ein Ende, ein Anfang oder ein Mittendrin. Wir werden es erfahren.
Bianca Reineke
Cuxhaven, August 2008