„Rankins Bücher bilden gewissermaßen
die Quintessenz dessen, was gegenwärtig
den britischen Kriminalroman ausmacht.“
Tobias Gohlis, DIE ZEIT
Strip Jack ist der erste Rebus-Roman, der komplett in dem heruntergekommenen französischen Bauernhaus geschrieben wurde, in das ich 1990 mit meiner Frau gezogen war. In den ersten zwei Jahren verwandten wir den größten Teil unserer Energie darauf, das Haus halbwegs auf Vordermann zu bringen: neue Kabel zu verlegen, Decken einzuziehen, den halben Hektar dornige Wildnis ringsum urbar zu machen. Der Dachboden wurde zu meinem Arbeitszimmer ernannt. Man erreichte ihn über eine wacklige Holzleiter und durch eine Falltür. Der Fußboden war so schief, dass Stifte mit beeindruckender Eile von der Schreibtischplatte rollten. Die Ausstattung meines Arbeitszimmers bestand aus Busfahrplänen von Edinburghs Innenstadt, Ansichtskarten mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt und einer Liste der Polizeibezirke Schottlands.
Von unserer französischen Idylle floss dagegen nur wenig in das Buch ein. Im Gegenteil: Es ist eines meiner schottischsten Werke überhaupt, vielleicht eine Reaktion auf den Schauplatz des vorausgegangenen Romans, London. Dialektwörter wie brae („Hang, Böschung“), keech („Kacke, Dreck“), birl („saufen“, „feiern“) und haar („kalter Nebel, der von der Nordsee hereinkommt“) schleichen sich ein. Whisky wird als the cratur bezeichnet, während ba-heid („Hohlkopf“) zu den beliebtesten Schimpfworten gehört. Viele der verwendeten Wörter wie shoogly („wackelig“) und peching („keuchend, kurzatmig“) waren Lieblingsausdrücke meines Vaters, und es kann durchaus sein, dass ich während des Schreibens an ihn dachte. Strip Jack war mein erster Roman seit seinem Tod im Jahr 1990. Mit Sicherheit war er der einzige Mensch, den ich je hatte sagen hören: „Wenn Scheiße aus Gold wär, dann hättest du eine Tülle am Arsch“. Worte, die ich jetzt Rebus’ Vater in den Mund legte.
Ich schlug auch ein Covermotiv vor, das die Scottishness des Buches noch unterstreichen würde: einen „steigenden Löwen“, das Wappentier Schottlands, der sich frech vom Londoner Parlament aus in die Luft schwingt. Aber so schottisch Strip Jack sprachlich auch ist, seinem Geist nach scheint es mir weniger wild und grimmig als die drei vorherigen Rebus-Romane. Das könnte mit gewissen familiären Veränderungen zusammenhängen. Meine Frau Miranda wurde 1991 schwanger, und im Februar 1992 kam unser Sohn Jack auf die Welt. Deswegen ist Strip Jack ja auch „dem einzigen Jack“ gewidmet, „den ich je ausgezogen habe“ – was meinem inzwischen halbwüchsigen Sohn natürlich entsetzlich peinlich ist.
Als Titel schwebte mir etwas vor, das zur spielerischen Doppeldeutigkeit von Knots and Crosses (Verborgene Muster) und Hide and Seek (Das zweite Zeichen) passte. Ich hatte ganze Listen von Spielen erstellt, und das Kartenspiel „Strip Jack Naked“ („Zieh Jack nackt aus“) erfüllte ein paar wichtige Kriterien: Ich konnte dem Hauptverdächtigen in meinem Buch den Nachnamen Jack geben. Außerdem schien jemand darauf aus zu sein, ihn seines Status, seines guten Namens und vielleicht sogar seines Lebens zu berauben. Den aus drei Wörtern bestehenden Titel fand ich allerdings etwas schwerfällig, also habe ich ihn auf zwei gekürzt.
Seltsamerweise begann ich erst, nachdem ich Schottland verlassen hatte, mich ernsthaft für die Geschichte und Politik meiner Heimat zu interessieren. Ich verschlang Bücher zu diesen Themen und fuhr drei-, viermal im Jahr nach Edinburgh, wo ich in der Regel bei Freunden unterkam. Dann machte ich lange Spaziergänge durch die Stadt, verknipste mit meiner billigen Kamera jede Menge Filme und verbrachte Stunden in Bibliotheken. Jetzt, als Profi-Schriftsteller, fühlte ich mich mehr denn je verpflichtet, möglichst gründlich zu recherchieren. Für Strip Jack schrieb ich an den Lehrstuhl für forensische Medizin der Universität Edinburgh und bekam tatsächlich einen Termin bei Professor Anthony Busuttil. Ihm verdanke ich einen Großteil der Fachausdrücke in diesem und den folgenden Romanen. Wenn Dr. Curt von „Diatomeen“ und „Waschfrauenhaut“ spricht, ist das O-Ton Prof. Busuttil. Unser erstes Treffen war allerdings denkwürdig: Der Professor hielt mich zunächst für einen Polizeibeamten und legte mir die Autopsiefotos einer Leiche mit aufgeschlitzter Kehle vor. Erst mein rasch ergrauendes Gesicht zeigte ihm, dass er wohl keinen Polizisten vor sich hatte ...
Da ich so weit weg von Edinburgh lebte und arbeitete, schöpfte ich zur Beschreibung von Rebus’ Innenleben zunehmend aus meiner persönlichen Vergangenheit. Wenn Rebus sich an Picknicks und Ferienorte erinnert, sind es eigentlich meine Erinnerungen. Der Parlamentsabgeordnete Gregor Jack ist zwar zu hundert Prozent erfunden, aber mit seinen Freunden und Bekannten ist es schon wieder etwas anderes. Die meisten Freundschaften, die ich in meinem Leben geknüpft hatte, stammten noch aus meiner Schulzeit. Die Geschichte, wie „Suey“ seinen Spitznamen bekam, basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich während einer Klassenfahrt nach Deutschland ereignete, als ich sechzehn war. Und „das Werk eines bigotten Legasthenikers – Erinnert 1960" tauchte in Wirklichkeit im Treppenhaus jener Mietskaserne in der Easter Road auf, in der ein Freund von mir wohnte.
Rebus erhält aber auch ein paar weitere persönliche Merkmale von mir. Auf einer meiner Fahrten nach Edinburgh hatte ich wegen der Panikattacken, unter denen ich seit längerem litt, einen Arzt aufgesucht. Statt mir Medikamente zu verschreiben, hatte er mir empfohlen, es mit Selbsthypnose und verschiedenen Entspannungstechniken zu versuchen. Indem ich Rebus meine Probleme aufhalste, benutzte ich das Schreiben auch als eine Form von Therapie. Genauso wie ich ihn in Tooth and Nail (Wolfsmale) nach London geschickt hatte, damit er die Stadt stellvertretend für mich verabscheuen konnte, wälzte ich jetzt meine Gesundheitsprobleme auf ihn ab. Ich tat ihm allerdings auch den Gefallen, ihn mit Dr. Patience Aitken zusammenzubringen, die eine Wohnung an der Oxford Terrace besaß, eine Tür von einem meiner Freunde aus der Oberschule entfernt. (In der Szene in der Horsehair Bar tritt dieser sogar persönlich auf.) Patience würde Rebus etwas von der emotionalen Stabilität schenken, die er so sehr brauchte – zumindest ein paar Bücher lang.
Wenn ich den Roman jetzt wieder lese, scheint mir Strip Jack auch eine Geschichte über Freundschaft zu sein, über jene Bande, die an der Schule geknüpft werden und sich niemals lockern. Es ist aber auch ein weiterer Versuch, den schottischen Jekyll-und-Hyde-Charakter auszuloten: Menschen, die ihr wahres Ich unter einem dünnen Furnier von Achtbarkeit verbergen. Am Ende des Buches ist der Schurke zu einer fast affenartigen Kreatur regrediert, die an Beschreibungen Hydes in Stevensons Erzählung erinnert.
Bis zu den letzten Szenen von Strip Jack war Rebus in einer fiktiven Polizeiwache in einer fiktiven Straße stationiert. Jetzt aber, wo ich ein professioneller Schriftsteller war, der über wirkliche Berufe schrieb, war ich es den echten Profis schuldig, meine Geschichten so realistisch wie möglich zu erzählen. Ich würde Rebus von meinem erfundenen Edinburgh in das reale versetzen: Er sollte auf einem echten Revier arbeiten und in echten Kneipen trinken.
Meine lange Lehrzeit näherte sich allmählich ihrem Ende.
Ian Rankin
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini