„Rankins Bücher bilden gewissermaßen
die Quintessenz dessen, was gegenwärtig
den britischen Kriminalroman ausmacht.“
Tobias Gohlis, DIE ZEIT
Von 1986 bis 1990 wohnte ich in einem kleinen Apartment im Londoner Stadtteil Tottenham, nicht weit von dem Flüsschen Lea. Als ich im Sommer 1990 nach Frankreich umzog, übernahmen ein paar Freunde das Apartment. Tooth and Nail erschien im Frühjahr 1992, nur hatte der Roman damals noch einen anderen Titel: Er hieß Wolfman, nach dem Serienmörder, um den es in dem Buch geht. Ein paar Monate nach Erscheinen des Buches schickten mir meine Londoner Freunde, mit denen wir in Kontakt geblieben waren, ein Foto. Sie hatten es in einer U-Bahn-Station zwischen meiner ehemaligen Wohnung in Tottenham und dem Fluss aufgenommen hatten, wo der erste Mord des Romans stattfindet. Die trostlose Station war weiß gekachelt, und auf diese Fläche hatte jemand in mannshohen Blockbuchstaben den Namen „Wolfman“ gepinselt.
Ich habe das Foto noch heute immer griffbereit, damit ich nie vergesse, dass es Fans gibt, die ein Autor nicht kennen lernen möchte. Niemals.
Der für die amerikanische Ausgabe zuständige Lektor machte mich darauf aufmerksam, dass Wolfman irgendwie nach Horrorschocker klang, und es war seine Idee, dem Buch für den amerikanischen Markt den Titel Tooth and Nail zu geben. Ich fand, dass das gut klang, und außerdem passte es auch besser zu den Titeln der vorigen beiden Rebus-Romane. Als mein jetziger Verlag, Orion, die Rechte an dem Buch erwarb, überzeugte ich die Leute, dass es ab sofort auch in Großbritannien Tooth and Nail heißen sollte.
Der Roman spielt in London und ist damit der bislang einzige „nichtschottische“ Rebus-Roman. Im Grunde ging es mir darum, Rebus mehr denn je zum Außenseiter zu machen. In London ist er ein Fisch auf dem Trockenen. Die Stadt ist ihm vollkommen unbegreiflich, er weiß nicht einmal, was ein Bagel ist, außerdem versteht kein Mensch seinen Akzent und seine Dialektausdrücke. Die führten übrigens dazu, dass in manchen schottischen Grundschulen mittlerweile Passagen aus dem Buch als Lehrmaterial verwendet werden. Aber im Wesentlichen benutzte ich Rebus, um meine eigenen Gefühle gegenüber London zu analysieren – und das zu einer Zeit, als ich plante, die Stadt endgültig hinter mir zu lassen.
Von Anfang der Siebzigerjahre bis Mai 1990 hatte ich Tagebuch geführt, jeweils eine Seite pro Tag. Aus welchen Gründen auch immer, kurz nach meiner Ankunft in Frankreich hörte ich damit auf. Unter dem 11. März 1990 findet man allerdings noch folgenden Eintrag: „Ich habe ziemlich halbherzig einen neuen Rebus-Roman angefangen, obwohl mir klar ist, dass ich gründlicher planen und recherchieren sollte, bevor ich mich ernsthaft an die Arbeit mache. Wenn je was daraus wird, soll er ‚Wolfman’ heißen.“ Den Impuls zu dem Buch verdanke ich, glaube ich, wenigstens teilweise dem spektakulären Erfolg von Thomas Harris. Ich hatte Das Schweigen der Lämmer in einer einzigen Nacht verschlungen. Der Mann hatte ein ungeheures Talent und entsprechende Absatzzahlen, und was Letztere anging, wollte ich es ihm gleichtun. Serienmörder waren schwer in Mode, und die Psychologie und Pathologie des Bösen schienen eine unendliche Faszination auf die Menschen auszuüben. Ich kann von Glück reden, dass mein damaliger Lektor, Euan Cameron, nicht so leicht auf Trends hereinfiel. Als er die erste Fassung des Manuskripts gelesen hatte, sagte er mir, die Geschichte enthielte zu viel Sex und Gewalt, und bat mich um entsprechende Kürzungen. Es war eine wertvolle Lektion: Ich begriff, dass man beides effektvoll einsetzen konnte, ohne ins voyeuristische, blutrünstige Detail zu gehen.
Während meines Aufenthalts in London war ich einmal als Geschworener ans Old Bailey berufen worden – eine bizarre und unbefriedigende Erfahrung, die mir allerdings eine Fülle von Details und Anekdoten für die Gerichtsszenen in Tooth and Nail liefern sollte. Die Verhandlung, an der ich teilgenommen hatte, war eine einzige Abfolge grotesker Momente – angefangen bei einem Beamten namens De’Ath („T’od“) über einen Kronanwalt, der den Unterschied zwischen 180° und 360° nicht kannte, bis hin zu einem Geschworenen, der erklärte: „Ich glaube, er war’s, aber ich möchte nicht, dass er deswegen ins Gefängnis kommt.“ Konsequenterweise stimmte er denn auch für „nicht schuldig“, wodurch der Angeklagte freigesprochen wurde. (Die Ermittlungs- und Verfahrensfehler, dank derer Tommy Watkiss im Roman ungeschoren davonkommt, ereigneten sich in Wirklichkeit vor und während meiner Verhandlung, aber da fielen sie außer uns Geschworenen niemandem auf.)
Ich machte mir jede Menge Notizen zum Old Bailey – Grundriss; Sicherheitsvorkehrungen; den Weg vom Verhandlungsraum zum Geschworenenzimmer –, bis ich eines Tages beim Verlassen des Gebäudes von einem Sicherheitsbeamten angehalten wurde. Er wollte meine Aufzeichnungen sehen, zeigte sich von ihnen zutiefst entsetzt und zerriss sie dann vor meinen Augen. Ich dankte ihm und ging nach draußen, wo ich mich umgehend daran machte, aus dem Gedächtnis alles wieder aufzuschreiben. Durch ein Fenster musste der Beamte hilflos zusehen.
Denkwürdig ist Tooth and Nails deswegen, weil Morris Gerald Cafferty alias „Big Ger“, der Obergangster von Edinburgh, hier zum ersten Mal auftritt. In diesem Roman spielt er nur eine Nebenrolle, aber ich war überzeugt, dass sich noch einiges mit ihm anfangen ließ. Ich baute auch schottische Dialektwörter in den Text ein, vielleicht um sicherzustellen, dass ich sie nicht vergessen würde. Schließlich hatte ich im ländlichen Südfrankreich selten Gelegenheit, Ausdrücke wie wersh („sauer“), winching („gerade gehen“) und hoolit („betrunken“) anzubringen. Nach und nach sollten ein paar dieser Wörter sogar Eingang ins Oxford English Dictionary finden – mit Rebus-Romanen als Belegstellen.
Wahnsinn!
Nachdem ich im oben zitierten Tagebucheintrag gesagt hatte, „dass ich gründlicher planen und recherchieren sollte“, muss ich an dieser Stelle beichten, dass die lange Liste von Danksagungen am Ende von Tooth and Nail nur ein privater Scherz ist. Alle dort genannten Personen sind Freunde und Freundinnen von mir, und ich wollte lediglich möglichst viele von ihnen in das Buch schmuggeln. Steve Adams und Fiona Campbell beispielsweise waren unsere Nachbarn in Tottenham, während Tiree Macgregor und Don Nichol Kommilitonen von mir waren. „Prof. J. Curt“ verdient allerdings eine gesonderte Erwähnung. Er ist mein Kumpel Jon Curt. Wir haben uns ein extrem alkoholisiertes Jahr lang eine Wohnung geteilt, in der ich an meiner Dissertation arbeitete und er sein Magisterstudium zu Ende brachte. Jon war aber nicht nur Student, sondern auch Teilzeitbarkeeper in der Oxford Bar. Ohne ihn hätte ich Rebus´ spätere Lieblingskneipe womöglich nie entdeckt. In Tooth and Nail habe ich Jon dafür mit einem Professorentitel belohnt, und später würde ich aus ihm Dr. Curt machen, den Pathologen und Freund von Rebus.
Das Buch enthält auch einen meiner Lieblings-Minimalwitze aus der ganzen Romanserie. Diesmal werde ich nicht zu viel verraten, aber Sie sollten nach einem Nudistenstrand Ausschau halten ...
Ian Rankin
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini